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Zaunammern am Kappelberg

Die Zaunammer ist jetzt auch am Kappelberg heimisch

NABU-Experten berichten: Neue Brutvogelart in Fellbach nachgewiesen - September 2015

Was in Fachkreisen schon einige Zeit mit größtem Interesse und Spannung beobachtet wurde, ist nun offiziell: Es gibt eine neue Brutvogelart in Fellbach. Die Art hört auf den Namen Zaunammer und ist eine enge Verwandte der bekannten Goldammer. Experten des NABU haben den seltenen Vogel, der gerne in Weinbergen lebt, aufgespürt.

Schon einige Zeit waren Vogelkundler mit Ferngläsern, Stimmenrekordern und Kameras auf der Suche, und nun ist die kleine Sensation perfekt: In Fellbach und in Stuttgart gibt es eine neue Brutvogelart, die Zaunammer. Auf den ersten Blick ähnelt sie der häufigen und nah verwandten Goldammer. Doch man kann auf den zweiten Blick erkennen, dass sich die beiden Ammern doch deutlich unterscheiden. Michael Eick, Ornithologe und NABU-Sprecher aus Fellbach, erklärt den Unterschied: "Während die Goldammer einen komplett zitronengelben Kopf-Brustbereich hat, ist die Zaunammer viel abwechslungsreicher gefärbt. Sie hat auf der gelben Grundfärbung an Kopf und Brust einen schwarzen Latz an der Kehle, einen schwarzen Streifen durch das Auge und einen unterbrochenen braunen Brustring." Von hinten sind die beiden sperlingsgroßen Vögel dagegen fast identisch: brauner Rücken, relativ langer Schwanz mit weißen Außenfedern. Ein bisschen erinnern sie dabei an einen ganz gewöhnlichen Sperling.
 


Ganz "gewöhnlich" ist die Zaunammer aber mitnichten, schließlich gibt es von ihr in Fellbach nur ein einziges Brutpaar. In der ganzen Region Stuttgart ist sie bisher erst an drei Stellen gefunden worden - jetzt auch am Kappelberg, der als ideales Siedlungsgebiet erscheint. Denn als Lebensraum bevorzugt die aus dem Mittelmeerraum stammende Zaunammer hügelige Landschaften mit Offenland und Gebüsch. Sie ist daher besonders gerne in Weinbergen, wenn diese von Gärten oder Sträuchern umgeben sind. Somit war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, wann die Zaunammer in Fellbach auftauchen würde. „Man könnte sagen, dass diese mediterrane Art so etwas wie ein Weinklima-Gütesiegel ist," meint NABU-Sprecher Eick und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu, dass die Fellbacher Wengerter sich ja schon einmal überlegen könnten, ob sie nicht ein neues Etikett mit einem Porträt der Zaunammer gestalten wollen. In Deutschland kommt diese Ammer nämlich bisher nur an ganz wenigen Stellen vor, besonders im warmen Südwesten und immer in den besten Weinbaulagen: am Kaiserstuhl, in der Pfalz und nun neuerdings im mittleren Neckarraum. Das Beispiel der Zaunammer zeige aber laut NABU auch auf, dass Vögel besonders dann in Weinbergen leben können, wenn auch noch andere wichtige Lebensraumelemente vorhanden seien: Sträucher, Hecken, kleine unbewirtschaftete Flächen zwischendrin, auch mal einige Rebzeilen, die nicht absolut sauber "geschleckt" seien. Ein Wengert allein mache noch keinen hochwertigen Lebensraum.

 



Die Entdeckungsgeschichte der Zaunammer in der Region verlief ziemlich spannend, ein echter Orni-Krimi: Schon vergangenes Jahr wurde zufällig zwischen Fellbach und Untertürkheim mehrfach eine Zaunammer gehört und gesichtet. Doch dann blieb der Vogel verschwunden. Also nur eine "Eintagsfliege"? Im Frühjahr diesen Jahres gab es dann plötzlich neue Beobachtungen, übrigens vom ehemalige Fellbacher NABU-Aktiven, Markus Wegst. Er entdeckte gleich an zwei Stellen in Rohrackers Reben die raren Vögel. Das rief wiederum die Ornithologen der Region auf den Plan. Man organisierte kurzerhand eine konzertierte Synchronsuche. Und tatsächlich, den Fachleuten gelang es im Rahmen der Aktion gleich an mehreren Stellen die seltenen und leisen Vögel ausfindig zu machen. So gibt es nun Nachweise aus Rohracker, Untertürkheim und Fellbach. "Das Auftauchen der Art an gleich mehreren Stellen ist schon bemerkenswert", berichtet Eick. "Insgesamt konnten wir fünf verschiedene Reviere registrieren und können sogar sicher von mindestens drei Brutpaaren ausgehen, bei denen es entsprechende Beobachtungen gibt." Dazu zählen Aktivitäten beim Nestbau, Sichtungen beider Partner eines Paares, Futtertransport oder gar ein Nest und Jungvögel.

"Dabei muss man wissen, dass die Zaunammer eine Vogelart ist, die sich einem nicht gerade aufdrängt", erklärt Biologe Eick. Neben ihrer eher unauffälligen Lebensweise komme dazu, dass auch ihr Gesang eher leise sei und in der allgemeinen Lärmkulisse in der Landschaft schon mal untergehen könne. "Wenn da ein Rasenmäher in der Nähe läuft oder ein Wengerter mit seinem Schlepperle fährt, ist die Zaunammer praktisch nicht mehr zu hören." Eick erzählt vom vergeblichen Versuch, einmal Filmaufnahmen machen zu wollen: "Etwa zwei Stunden lag ich auf der Lauer,  doch zuerst knatterte ein Freischneider, danach eine Motorsäge, zuletzt mähte jemand seinen Rasen. Ich musste unverrichteter Dinge wieder gehen." Die Aufnahmen glückten erst an einem frühen Sonntagmorgen. "Da war's dann zum Glück leise."

Seither haben die Vogelkundler die Ansiedlung des Neubürgers genau beobachtet und dokumentiert - auch in Fellbach. Als im April ein singendes Männchen zunächst unweit des Waldschlösschens entdeckt werden konnte, waren die hiesigen Ornithologen elektrisiert. "Anfang August ist uns endlich der eindeutige Nachweis von Jungvögeln geglückt", so Michael Grimminger. Er ist der engagierte Vogelkundler, der unermüdlich die Gegend abgesucht und als erster die Fellbacher Zaunammer aufgespürt hat. Und er musste sie sogar nochmals suchen, denn sie war zwischenzeitlich wieder verschwunden. Der Garten, den sie sich als Revier ausgesucht hatte, wurde im Frühsommer - also mitten in der Brutzeit - rigoros ausgeholzt. Bei diesem Verstoß gegen das Naturschutzgesetz ging vermutlich die allererste Brut verloren. Beinahe wäre an dieser Stelle die Geschichte zu Ende gewesen, die Zaunammer gab den Platz auf.

 



Doch zum Glück tauchte einige Wochen später etwas weiter östlich wieder ein Männchen auf – wahrscheinlich dasselbe. Diesmal wurde auch das Weibchen gesichtet. "Wir waren erleichtert", so Grimminger, "denn es hätte auch sein können, dass die Vögel Fellbach ganz verlassen und weiter in Richtung Remstal abziehen." Der Rest war dann nur noch eine Frage von Geduld, Erfahrung und guter Optik. Zum Happy End konnten die Ornithologen tatsächlich die ganze Familie mit insgesamt drei Jungen beobachten. Damit ist die Zaunammer nicht einfach nur ein neuer Vogel auf der Liste, sondern zählt ganz offiziell als neue Brutvogelart in Fellbach. Grimminger: "Wir sind gespannt, wie sich die Situation weiter entwickelt. Wir gehen davon aus, dass in den kommenden Jahren mehr Zaunammern bei uns heimisch werden." Und wer weiß, vielleicht ziert ja eines Tages dieser hübsche Vögel tatsächlich einmal eine Fellbacher Weinflasche.

 

Alle Bilder: Michael Eick

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