Kraniche über Fellbach
„Vögel des Glücks“ über Fellbach
Großvögel kamen wohl vom Kurs ab – Weitere Beobachtungen bitte über das Beobachtungsformular melden!
Nicht Pleitegeier kreisen über Fellbach, sondern Vögel des Glücks. Ein für Fellbach ziemlich einmaliges Ereignis trug sich kürzlich zu: Ein Trupp Kraniche flog über die Kappelbergstadt hinweg. Entdeckt und erkannt wurden die Flugobjekte vom NABU-Vogelkundler Michael Eick, der zufällig zur rechten Zeit am rechten Ort war.

Solche seltsamen Geräusche kann man in Fellbach normalerweise nicht hören: Laute trompetende Töne, die wie „gru-gru“ klingen, hoch oben in der Luft. Was für viele Leute ein UFO, also ein unbekanntes Flugobjekt ist, kann für einen erfahrenen Vogelkundler ein klarer Fall sein. So auch dieses Mal. Die Rufe, die vergangene Woche über dem Schmidener Feld zu hören waren, konnte Ornithologe Michael Eick vom NABU gleich zuordnen. Kraniche! „Diese markante Stimme werden ich nie mehr vergessen, seit ich meine ersten Kraniche in Ostdeutschland gesehen habe.“ Die Rufe, nach denen der Kranich seinen wissenschaftlichen Namen „Grus grus“ hat, sind in der Tat unverwechselbar. So wusste Eick denn auch gleich, dass es sich um einen Trupp der majestätischen Vögel handelte, der da im Bereich zwischen Festhalle und Hönle-Ranch durch den nächtlichen Himmel in Richtung Kappelberg zog. Obwohl nichts zu sehen war, schätzt Eick die Zahl Großvögel, die durch die tiefe Wolkendecke hindurch zogen, aufgrund der Rufe auf mindestens 200. „Mit ein bisschen Erfahrung ist so etwas kein Problem“, versichert der Biologe, der schon in allen Teilen Europas Kraniche beobachtet und bei Zählungen mitgeholfen hat.
Auf ihrer Reise aus ihren Brutgebieten sammeln sich die Kraniche Skandinaiens in Nord-Ost-Deutschland, zum Beispiel vor Rügen oder im Müritz Nationalpark. Dort rasten sie in großen Scharen bis zu 70.000 Individuen. Tagsüber schwärmen sie in Gruppen aus, um auf den Feldern nach Kleintieren und liegen gebliebenen Ernteresten wie Getreidekörnern oder Kartoffeln zu suchen. Stellenweise hat man gezielt Futterplätze für die eleganten Vögel angelegt, um sie für interessierte Beobachtern anzulocken, aber auch von der frischen Wintergetreide-Aussaat fernzuhalten. In der Abenddämmerung fliegen sie dann in langen Ketten unter lautem Rufen zu ihren Schlafplätzen im flachen Wasser. Dort sind sie dann über Nacht sicher vor Beutegreifern wie dem Rotfuchs.

Erst wenn die Temperaturen dauerhaft auf den Nullpunkt sinken und sich der Winter in Nordeuropa festsetzt, räumen die Kraniche ihre Rastquartiere und ziehen nach Südwesten ab. Ziel der Großvögel ist die Laguna de Gallocanta oder die Gebiet der Extremadura in Spanien. In den letzten Jahren unternehmen allerdings immer weniger Kraniche die beschwerliche und gefährliche Überquerung der Pyrenäen und bleiben einfach in Frankreich oder zum Teil sogar in Deutschland. Diese Änderung des Verhaltens sei teilweise Folge der verbesserten Bedingungen an neu geschaffenen Rastplätzen, aber auch ein Effekt des Klimawandels, so Biologe Eick. „Die Kraniche fliegen immer später im Jahr fort, kommen früher zurück und reisen nicht mehr so weit wie noch vor ein, zwei Jahrzehnten.“ Die Situation an den einzelnen Rastplätzen in Europa lasse sich gut über das Internet verfolgen und über die Jahre vergleichen.
Normalerweise kommen die Vögel des Glücks auf ihrer Flugstrecke nach Süden nicht über Baden-Württemberg. Ihre Route liegt weiter nordwestlich, und verläuft etwa quer durch Hessen. Nur in Ausnahmefällen werden Kraniche daher in unserer Gegend gesichtet. Die letzte dokumentierte „glückliche“ Beobachtung für Fellbach datiert auf das Jahr 1992, berichtet Eick. Mitten in der Nacht wurde damals Markus Wegst, ebenfalls Vogelkundler im NABU Fellbach, aus dem Schlaf gerissen als rund 180 der beeindruckenden Vögel laut rufend direkt über sein Dachfenster hinweg zogen. Ebenfalls in den 1990er Jahren rastete einige Dutzend Kraniche im Naturschutzgebiet Büsnauer Wiesental bei Vaihingen.

Bisher liegen nur ganz wenige dokumentierte Daten vor, deshalb hofft man beim NABU, dass noch weiteren Personen Kraniche aufgefallen sein könnten. „Wir möchten daher alle Menschen, die solche Beobachtungen in diesen Tagen oder auch in den vergangenen Jahren gemacht haben, bitten, uns diese zu melden“, so Eick. „Auch für zukünftige Fälle sind wir froh, Informationen zu erhalten.“ Der beste Weg, dem NABU interessante Beobachtungen zu melden, ist das Internet. Interessante Infos und Links zum Thema Kranichen finden Besucher dieser Internetseite, außerdem die Möglichkeit zum Schutz der Glücksvögel zu spenden. Bitte melden Sie uns weitere Kranichbeobachtungen unter Angabe des genauen Ortes und des Datums - am besten mit Hilfe des Beobachtungsformulars oder auch telefonisch mit einer Nachricht auf unserem Anrufbeantworter (0711/9537902). Vielen Dank!
Hintergrund/Info:
Der Graue oder Eurasische Kranich, (wissenschaftlich Grus grus) zählt mit einer Größe von ca. 1,20 Meter zu den größten Vögeln Europas und ist damit größer als Graureiher und Weißstorch, mit denen man ihn verwechseln könnte. Im Flug hält der Kranich seinen langen Hals gestreckt nach vorne und seine langen Beine überragen den Schwanz deutlich. Die Flügelspannweite von über 2 Meter entspricht der eines Seeadlers.
Die lauten trompetenartigen Rufe sind unverwechselbares Merkmal des Kranichs. Von diesem Trompeten leitet sich der althochdeutsche Name des Vogels „cranuh“ lautmalerisch ab. Dank einer speziell gebauten Luftröhre, die doppelt geschlungen über ein Meter lang ist, sind Kraniche über mehrere Kilometer weit zu hören.
Wenn Sie die Kranichrufe hören möchten, klicken Sie bitte ....hier und dann auf "Rufende Kraniche"
Hahn und Henne sind äußerlich nicht zu unterscheiden, das Männchen ist lediglich etwas größer und eine Spur schmuckvoller. Im eher unspektakulär grauen Gefieder fällt eine elegante schwarz-weiße Hals- und Kopfzeichnung auf, gekrönt von einer federlosen Kopfplatte in rot. Ein majestätisches Aussehen verleihen dem Kranich die über den Schwanz herabhängenden Federn, die so genannte Schleppe. Diese können in Erregung zum Beispiel während der Balz aufgestellt werden. Hahn Die Küken tragen ein zimtbraunes Dunengefieder, das Jugendkleid ist ebenfalls bräunlich.
Der Kranich, der in menschlicher Obhut ein Alter von 40 Jahre erreichen kann, bleibt normalerweise ein Leben lang mit seinem Partner zusammen. Er ist deswegen in vielen Kulturen ein Symbol für Treue und ein langes Leben. In der Mythologie zahlreicher Völker sind gelten Kraniche als Göttervögel, Frühlingsboten oder Vögel des Glücks und sind deswegen vielfach in bildhafter Kunst oder Literatur zu finden. Leider hat der Mensch diese verehrende Haltung vergessen: Von den 15 Kranicharten der Welt sind mittlerweile 10 bedroht. Der Graue Kranich Europas hat zum Glück jedoch in den letzten Jahren wieder zugenommen.
Links zu weiteren Informationen:
http://www.nabu.de/tiereundpflanzen/voegel/zugvoegel/kraniche/
http://www.grus-grus.eu
http://www.kraniche.de/
Infobox: Wir benötigen für unsere Projekte dringend Ihre Unterstützung in Form von Spenden auf unser Konto 2 044 019 bei der Kreissparkasse Waiblingen (BLZ 602 500 10). Wenn Sie für den Schutz der Kraniche spenden möchten, verwenden Sie bitte das Stichwort "Kranich" bei Ihrer Überweisung. Vielen Dank für Ihre Hilfe! |
Bildnachweis: alle Aufnahmen von Michael Eick
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