Beobachtungen einer Familie Neuntöter am Kappelberg
Fellbach, 30. Juli 2008
Nachwuchs bei Familie Neuntöter
Seltene Vogelart brütet nur noch am Kappelberg
Ein bemerkenswerter Vogel droht in Fellbach zu verschwinden. Nur noch an einem Standort ist nach Angaben des Naturschutzbundes (NABU) der Neuntöter regelmäßig zu finden. Das Brutpaar dort hat in diesem Jahr erfreulicherweise vier Junge. Beseitigung von Hecken und Insektizide haben die Vogelart selten gemacht. Wie viele der Jungvögel im nächsten Jahr wieder in Fellbach auftauchen, ist ungewiss.
In diesen Tagen kann man ein in Fellbach mittlerweile seltenes Schauspiel bestaunen. Ein Pärchen des Neuntöters zieht seine Jungen am Kappelberg auf. „Diese Vogelart ist bei uns nur noch an wenigen Standorten zu beobachten“, wissen die beiden ehrenamtlichen Vogelkundler des NABU Fellbach Markus Wegst und Michael Eick. Die beiden Ornithologen sind viel mit dem Fernglas unterwegs und sind sich ziemlich sicher: Eine Fläche am vorderen Kappelberg sei momentan die einzige Stelle in Fellbach, an der man diesen Vogel noch beobachten könne – ein traditioneller Brutplatz. An anderen Standorten – etwa in Oeffingen beim Tennhof oder am Rande des ehemaligen Steinbruchs – sei der Neuntöter mittlerweile verschwunden.
Papa Neuntöter mit seinem hungrigen Nachwuchs
Deutschlandweit habe sich der Bestand von Lanius collurio, so der wissenschaftliche Name, zwar stabilisieren können, doch in Fellbach müsse man leider einen deutlichen Rückgang beklagen. Dabei sei der Anblick des eher auffälligen Vogels früher absolut keine Seltenheit gewesen, berichtet Markus Wegst, der auch an einem landesweiten Erfassungsprojekt teilnimmt. Während vor einigen Jahren noch bis zu 7 Brutpaare auf der gesamten Gemarkung zu registrieren waren, sei es heute nur noch eines. „Das ist schon heftig“, bedauert der Vogelkundler. „Doch der Rückgang dieses besonderen Vogels hat verschiedene Ursachen“, erklärt der NABU-Mann. Schon 1985, also vor über 20 Jahren, sei der Neuntöter deshalb zum Vogel des Jahres ernannt worden, geändert habe sich seither leider nur wenig.
Vor allem die Ausräumung der Landschaft, die leider immer noch stattfindet, macht dem Rotrückenwürger, wie er mit zweitem Namen auch heißt, zu schaffen. Er brütet in Hecken und Feldgehölzen überwiegend in der offenen Landschaft mit Feldern, Wiesen oder Weinbergen. Seltener findet man ihn an Waldrändern oder auf Lichtungen, durchaus aber mal mitten in Streuobstwiesen, wenn es dort geeignete Strukturen gibt.
Das Nest wird in dichtes, dorniges Gebüsch gebaut. Etwa 2 Wochen werden die 4-6 Eier bebrütet, die Jungen bleiben dann für weitere rund 2 Wochen im Nest und werden dort gefüttert. Anschließend verlassen sie ihr Kinderzimmer und werden in der näheren Umgebung mindestens einen Monat lang weiter gefüttert und auf das weitere Leben vorbereitet. Die Jungvögel müssen in dieser Zeit von ihren Eltern vor allem lernen, wie man Beute macht. Denn schon kurz Zeit später beginnt ihre gefahrvolle und anstrengende Reise ins afrikanische Winterquartier.
Neuntöter Männchen mit Beute, einer Heuschrecke
Als Aufenthaltsort bevorzugt er Schlehen und Weißdorn, denn diese stachligen Sträucher bieten die Möglichkeit einer besonderen Vorratshaltung. Der Neuntöter hat nämlich die Angewohnheit, überzählige Beutetiere zum Beispiel Heuschrecken oder Käfer aufzuspießen. Dieser etwas brutal wirkenden Verhaltensweise hat er übrigens seinen besonderen Namen zu verdanken. „Der Neuntöter kann dank seiner Reservehäppchen mühelos mehrere Tage mit schlechtem Nahrungsangebot überstehen, vor allem Schlechtwetterperioden“, erklärt Biologe Michael Eick. Außerdem helfen ihm die pflanzlichen Schaschlikspieße beim Verzehr seiner Beute. Die Füße des Würgers sind nämlich nicht besonders kräftig oder mit großen Klauen bewehrt. Immerhin zeigt der leicht gebogene Hakenschnabel des nur etwa drosselgroßen Vogels eine gewisse Anpassung an die räuberische Lebensweise. Dennoch ist der Neuntöter kein Greifvogel, sondern ein Singvogel – ein ausgesprochen virtuoser sogar. „Als Meistersänger mit Killerqualitäten könnte man ihn bezeichnen“, so Eick. „Man darf dabei aber nicht vergessen, dass auch eine Amsel oder eine Meise Beutetiere verspeisen.“ Die exklusive, leise Gesangsstimme des Neuntöters bekommt man jedoch nur äußerst selten zu hören. Seinen wunderschönen und abwechslungsreichen Gesang, der mit Nachahmungen angereichert ist, stimmt der eher scheue Neuntöter nur an, wenn er sich ganz ungestört fühlt. Vielleicht ist er auch deswegen so selten. Obwohl er gerne auffällig und exponiert auf Zweigen und Buschspitzen sitzt, flüchtet er häufig auf große Distanz. Häufige Störungen verkraftet er nicht, der Neuntöter braucht ruhige Bereiche, in denen er ungestört auf seine Beute lauern kann.
Junge Neuntöter haben immer Hunger
Und seine Vorliebe für größere Beute bringt den Würger in weitere Schwierigkeiten. Ihm fehlt lebenswichtige Nahrung durch das drastische Verschwinden der Großinsekten aus dem Naturhaushalt als Folge des Einsatzes von Insektenvernichtungsmitteln und anderen Pestiziden, viele davon mit Langzeitwirkung. „Das Schlimme daran ist, dass die Vergiftung der Landschaft nicht aufhört, wie mehrere Pestizid-Skandale in diesem Jahr beweisen“, beklagen sich die beiden Naturschützer. Die Folgen seien unabsehbar, wie das Bienensterben am Oberrhein zeige. „Wann lernt der Mensch endlich aus seinen Fehlern?“ Besonders schlimm sei es in vielen Ländern Afrikas, dem Winterquartier des Neuntöters. „Dort werden immer noch Spritzmittel verkauft und eingesetzt, die bei uns schon seit Jahrzehnten verboten sind. Ganz Landstriche werden da eingenebelt, um etwa den Heuschreckenschwärmen Herr zu werden.“ Vielen Vogelarten wird dadurch auf einen Schlag die Nahrungsgrundlage entzogen oder gleich mitgetötet. Dies gelte für den Neuntöter ebenso wie für seinen südlichen Verwandten den Rotkopfwürger. Dieser ist leider vor wenigen Jahren in Baden-Württemberg ausgestorben, genauso wie der Schwarzstirnwürger schon 1987. Auch der größte Würger in der Verwandtschaft, der Raubwürger, ist mittlerweile extrem selten geworden. Doch bei ihm lässt sich die Schuld für den Rückgang nicht auf den Spritzmitteleinsatz in Afrika schieben, denn der Raubwürger überwintert unter anderem in Mitteleuropa. „Wir hatten sogar vor einigen Jahren einen Wintergast auf dem Tennhof-Areal“, berichten die beiden Ornithologen, die den außergewöhnlichen Besucher gemeinsam entdeckten. Das Glück währte allerdings nur wenige Tage. Vermutlich durch häufige Störungen, vor allem durch Modellflieger, verließ der seltene Vogel das Gebiet. „An manchen Wochenenden parkten da bis zu sechs Autos mitten im Gelände“, erzählt Eick.
Durch ihre besonderen Ansprüche sind die verschiedenen Würgerarten ein echtes Gütesiegel für eine vielfältige und artenreiche Landschaft. „In Polen beispielsweise kommt der Neuntöter sogar noch mitten in kleinen Ortschaften vor“, berichtet Eick wehmütig von einer NABU-Naturreise in das östliche Nachbarland. „So wird es wohl vor über 50 Jahren bei uns auch noch gewesen sein. Doch leider haben viele Landschaftsstrukturen dem so genannten Fortschritt weichen müssen.“ Dabei hätte man nach Ansicht des NABU viele Bäume und Hecken, die beispielsweise Flurbereinigungen zum Opfer gefallen sind, auch ohne weiteres belassen können. Denn heute habe man oft Schwierigkeiten, durch Ausgleichsmaßnahmen weitere Schäden, die man der Natur zufügt, notdürftig auszubessern. „Der Neuntöter braucht einfach eine abwechslungsreiche Kulturlandschaft. Nur wo Insekten wie Laufkäfer, Heuschrecken oder Hummeln zahlreich vorkommen und Hecken die Feldflur gliedern, kann der Neuntöter leben“, betonen die beiden Naturschützer. Sie hoffen, dass die diesjährigen Jungvögel wohlbehalten von ihrem gefährlichen Winteraufenthalt in Afrika zurückkehren und dann ein geeignetes Plätzchen irgendwo in Fellbach finden werden. Die beiden NABU-Ornithologen wolle diesen besonderen Vogel auch in Zukunft den Menschen in Natura vorstellen, denn: „Der Neuntöter gehört genauso zum Kappelberg wie der Spätburgunder.“