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Baumfrevel im Steinkauzrevier

Baumfrevel im Steinkauzrevier

Ostern 2009 - NABU kritisiert sinnlose Fällung – Brutbäume stehen unter Naturschutz

Erneut wurden in einer Streuobstwiese Brutbäume des stark gefährdeten Steinkauzes gefällt. Der Naturschutzbund (NABU) Fellbach prangert die noch immer weit verbreitete Praxis des Fällens von hohlen Bäumen an. Gerade diese seien besonders wertvoll für seltene Tierarten und stünden deshalb auch unter Schutz, so der NABU.

Was ein gemütlicher Osterspaziergang hätte werden sollen, wurde zum Schock für den Leiter des NABU-Steinkauzprojekts Michael Eick: Zwei der wertvollsten Steinkauzbäume standen nicht mehr an ihrem Platz südlich des Hartwaldes. Sie waren ohne dringenden Grund gefällt und zersägt worden, ein ehemals montierter Nistkasten lag beschädigt unter dem aufgehäuften Zweigen. „Hier erübrigt sich jede Nestersuche“, sagt der Naturschützer ernüchtert in Anspielung auf Ostern. Die Fällungen hätten allem Anschein nach schon vor einiger Zeit stattgefunden, das Steinkauz-Paar, das man oft sogar tagsüber beobachten konnte, sei endgültig verschwunden. „Damit ist eines der ältesten Reviere verwaist“, klagt der Oeffinger. Denn ohne Brutmöglichkeiten hätten die kleinen Eulenvögel keine Chance, sie seien vermutlich abgewandert. 

Die große Enttäuschung über immer wieder vorkommende Baumfällungen kann der Biologe, der sich in seiner Studienarbeit auf Eulen spezialisiert hat, nicht verbergen. „Als Naturschützer braucht man eine große Frustrationstoleranz“, gibt er zu. „Doch bei Vorfällen wie diesen, ist die Schmerzgrenze überschritten.“ Einen so erheblichen Eingriff wie diesen könne man nicht einfach wieder ausgleichen, ein Baum brauche etwa 50 Jahre ehe er eine Höhle in seinem Stamm bilde – wenn überhaupt. Die hohlen Bäume seien aus Naturschutzsicht die wertvollsten Strukturen in einer Streuobstwiese übrigens genauso im Wald. Auch wenn die Obsterträge gering seien, diese Bäume müssten auf jeden Fall so lange wie möglich erhalten bleiben. Es spreche nichts dagegen solche Bäume einfach stehen zu lassen, auch wenn sie größtenteils abgestorben seien. Sie zu fällen sei nicht nur sinnlos und besonders kurzsichtig, sondern auch illegal.

Was viele Stücklesbesitzer nicht wissen: Bäume mit Naturhöhlen stehen unter Schutz, wenn sie von seltenen Arten genutzt werden. Das Naturschutzgesetz verbietet das Zerstören der Nist-, Brut-, Wohn- und Zufluchtsstätten besonders geschützter Tierarten. Darunter fallen neben Fledermäusen und Hornissen auch alle einheimischen Vogelarten, der Steinkauz sei sogar besonders streng geschützt, klärt der NABU-Experte auf. Obwohl er seit Jahren immer wieder darauf hinweise, Vorträge bei Obst- und Gartenbauvereinen, den Landfrauen und beim Heimatverein mache, jedes Jahr zahlreiche Führungen leite und über die Presse versuche, die Öffentlichkeit zu erreichen, passiere es immer noch, dass Brutplätze geschützter Arten vernichtet werden. „Man kommt bei so etwas leider immer zu spät. Aber wir können uns schließlich nicht an jeden Baum ketten.“

Für das Steinkauzschutzprojekt gab es immer wieder etliche herbe Rückschläge. „Langsam gehen uns die Bäume aus“, beschreibt Eick die dramatische Situation. „In den letzten Jahren sind jedes Jahr mindestens fünf wertvolle Höhlenbäume der Säge zum Opfer gefallen.“ Vorletzten Winter wurde sogar auf zwei Grundstücken je ein ganzes Dutzend Bäume auf einen Schlag gerodet. Der NABU versuche zwar diesen Mangel mit künstlichen Nisthilfen auszugleichen, doch auch hier werde es immer enger. „Das Angebot an geeigneten Bäumen schwindet jedes Jahr.“ Aufgrund der speziellen Bauform der Nistkästen werden möglichst alte Bäume mit kräftigen, waagrecht wachsenden Ästen benötigt, ideal seien alte Birnbäume. Der Verlust der beiden Bäume sei deswegen besonders schmerzlich: „Einer trug seit Jahrzehnten einen Nistkasten, der andere hatte die perfekte Naturhöhle im gesamten Stammbereich. In der Nähe gibt es keinen passenden Standort für einen Ersatzkasten.“ Dafür sei es für dieses Jahr ohnehin zu spät. „Mit Nistkästen können wir solche Verluste dauerhaft gar nicht kompensieren.“ Außerdem koste eine so genannte Steinkauzröhre über 120 Euro, viel Geld für einen Verein, der von Mitgliedsbeiträgen und Spenden abhängt. „Wir können uns pro Jahr nur etwa eine Hand voll neuer Kästen leisten.“ Momentan sei nur der Austausch alter und beschädigter Steinkauzröhren möglich. An eine Ausweitung des Projekts sei aus finanzieller Not gar nicht zu denken.

Für die Zukunft sagt der NABU dem Baumfrevel strategisch den Kampf an. Man prüfe zwar auch juristische Möglichkeiten zur Abschreckung, in erster Linie wolle man jedoch mit positiven Anreizen vernünftiges Verhalten belohnen. So möchte der NABU ein Förderprogramm für wertvolle Höhlenbäume initiieren. Jeder Stücklesbesitzer mit einem besonders wertvollen Brutbaum solle eine Prämie erhalten. Auch ein Patenschaftsprogramm sei denkbar, so der NABU, schließlich gehe es um den dauerhaften Erhalt von Natur und Landschaft, auch für die kommenden Generationen. „Die Bäume dürfen hohl sein, die Köpfe sollten es nicht sein. Unsere Kinder und Enkel sollen auch noch besondere Tiere wie den Steinkauz erleben dürfen.“

Infobox:
Der NABU benötigt für sein Projekt „Schützt den Steinkauz“ dringend die Unterstützung in Form von Spenden (Konto 2 044 019 bei der Kreissparkasse, BLZ 602 500 10, Stichwort „Steinkauz“), da ein spezieller Nistkasten etwa 120 Euro koste. Die Betreuung der Kästen erfolgt unter großem Zeitaufwand rein ehrenamtlich. Interessenten können sich unter
www.NABU-Fellbach.de näher über das Projekt informieren.


Hintergrund:

Der Steinkauz ist nach deutschem Naturschutzrecht eine besonders streng geschützte Vogelart. Die kleine Eule mit dem wissenschaftlichen Namen Athene noctua wäre ohne die gezielte Hilfe von Artenschützern in Baden-Württemberg vermutlich längst ausgestorben. Die Umgestaltung der Landschaft und vor allem der Mangel an geeigneten Nistplätzen machen dem Kauz besonders zu schaffen. So kommt der einst über das ganze Land verbreitete Vogel nur noch im Oberrheingebiet und im mittleren Neckarraum vor. Nur mit groß angelegten Nisthilfenprogrammen konnte man hier den weiteren Rückgang aufhalten. Michael Eick, der das Projekt zum Schutz des Steinkauzes im Rems-Murr-Kreis leitet kennt die Situation vor Ort und in weit darüber hinaus genau: „Selbst in den Kernregion wie Spanien oder Griechenland nehme der Bestand ab. Doch wir haben allein in Fellbach und Waiblingen mehr Steinkäuze als in den fünf Neuen Bundesländern.“ Dort sei die Art radikal zurückgegangen. Das Überleben bei uns sei nur dem langjährigen Einsatz im Rahmen von aufwändigen und teuren Schutzmaßnahmen zu verdanken. Nach Ansicht des NABU habe es etwas gebracht, dass der Steinkauz bereits 1972 zum Vogel des Jahres ausgewählt wurde.

Chronologie der zerstörten Steinkauz-Brutplätze in Fellbach:

Vor 1970: etliche Streuobstwiesen werden für Baugebiete und Straßen gerodet (z.B. rings um Oeffingen)
1972 (ausgerechnet im Jahr, in dem der Steinkauz Jahresvogel ist) zerstört ein schwerer Hagelsturm zwischen Oeffingen und Hegnach mehrere uralte Birnbäume, darunter auch mindetens 1 Brutplatz
In den frühen 1990er Jahren wird das Garten- und Obstwiesengelände am Hornbergweg in Schmiden bebaut. Hier verschwinden vermutlich die letzten Schmidener Steinkäuze.
2001 wird der ortnäheste Brutplatz in Oeffingen zerstört. Der Ast mit dem Nistkasten bricht ab.
2004 am Hegnacher Weg wird eine ganze Baumreihe gerodet. Der Baum mit besetztem Nistkasten wird auch umgesägt.
2005 in den Etzwiesen sägt ein Oeffinger Bauer den Brutbaum des dortigen Steinkauzpaares um, das dort in einem Nistkasten wohnt. Die abgenommene Röhre kann sichergestellt werden. Das Paar kann etwa 200m entfernt umgesiedelt werden.
2006 wird im Schmidener Lindenbühl der Höhlenbaum eines partnerlosen Steinkauz-Männchens gefällt. Der kleine Kauz hatte zuvor eine Saison lang vergeblich um ein Weibchen gerufen.
2009 in der so genannten Unteren Hart fallen zwei Bäume (1 Brutbaum mit Nistkasten und ein Baum mit Naturhöhle) eines Steinkauzreviers der Säge zum Opfer.

 


Fotos (M. Eick)


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